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Handelsblatt du 13/04/2010
Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist angesichts der Wirtschaftskrise erstaunlich stabil. Ein wichtiger Grund dafür ist die stabile Struktur des Mittelstandes. Kein Wunder, dass europäische Nachbarn neidisch darauf blicken, allen voran Frankreich. Doch warum hat Deutschland einen Mittelstand im Vergleich zu anderen Ländern? Die Suche nach Antworten führt in die Vergangenheit.
DÜSSELDORF. Vier von fünf Franzosen sagen in einer Umfrage, dass “die Dinge immer schlimmer werden”. Das Vertrauen in die Fähigkeiten der Regierung ist gering. Der Arbeitslosigkeit ist hoch und ein Mittel dagegen scheint keine Partei zu haben. Frankreichs Problem, so glaubt der angesehene Wirtschaftsrat “Conseil d’analyse économique” (CAE), ist die Struktur der Unternehmenslandschaft. Denn Frankreich fehle eben so ein breiter Mittelstand, wie ihn Deutschland hat: “In Frankreich fehlen 10000 Firmen á 300 Mitarbeiter”, schrieb der Wirtschaftsrat jüngst, der auch Präsident Sarkozy berät. “Hätten wir diese drei Millionen neuen Beschäftigte: all unsere wirtschaftlichen, sozialen und finanziellen Probleme wären gelöst.”
Henrik Uterwedde, stellvertretender Direktor Deutsch-Französisches Institut Ludwigsburg, sagt: “Die Schwäche des Mittelstandes, sowohl was die Zahl der mittleren Unternehmen als auch ihre Dynamik betrifft, wird mittlerweile in jedem Bericht über den Zustand der französischen Wirtschaft beklagt.” Das sei ein Hauptgrund für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit unseres Nachbarlandes und mache sich auch in einer geringeren Beschäftigungsdynamik und Innovationsfähigkeit bemerkbar. Die französischen mittelständischen Unternehmen sind auch weit weniger exportorientiert als in den Nachbarländern, so Uterwedde.
In Deutschland haben mittelständische Firmen in der jüngsten Wirtschaftskrise dagegen bewiesen, dass sie tendenziell eher auf Stellenstreichungen verzichten als börsennotierte Unternehmen. Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen, betont: “Eine Analyse der 500 größten Familienunternehmen hat gezeigt, dass diese im Vergleich zu Nicht-Familienunternehmen eher Beschäftigte erhalten und zum Teil sogar aufgebaut haben.”
Doch warum hat Frankreich keinen “Mittelstand allemand”? Die Antwort auf diese Frage findet sich in der Geschichte, vor allem in den Jahren nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. “Nach 1945 hat Frankreich den Weg einer überwiegend staatsgeleiteten Modernisierung “von oben” eingeschlagen, der das Heil in der Bildung von Großunternehmen suchte und Konzentrationsprozesse förderte. Die Modernisierungspolitik war ganz auf diese – staatlichen oder privaten – Konzerne ausgerichtet; dabei wurden kleine und mittlere Unternehmen sträflich vernachlässigt”, erklärt Henrik Uterwedde.
In Paris würde die neue Industriestruktur am Reißbrett entworfen, Schlüsselindustrien entwickelt. Heute spricht man von “nationalen Champions”. Die Staatsspitze drängte auf Zusammenschlüsse, ein Beispiel ist die Fusion von Renault und Peugeot 1975. Es entstand eine moderne Großindustrie mit Schwerpunkten in der Autoindustrie, der Luftfahrt und dem Energiesektor.
Dahinter kommt sehr lange gar nichts. Betriebe mit Größen von 5000, 500 oder 50 Mitarbeitern gibt es in Frankreich deutlich weniger als in Deutschland – gerade einmal 1700 Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Dass in Deutschland mit 3,1 Mio. Betreiben nur unwesentlich mehr Firmen aktiv sind als in Frankreich (2,9 Mio.), täuscht: “Die Statistik ist irreführend, weil fast 92 Prozent aller französischen Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter haben”, erklärt Hennerkes. Frankreichs Problem ist, dass diese Kleinstbetriebe kaum neue Arbeitsplätze schaffen.
In Deutschland setzten die Verantwortlichen nach dem Krieg voll auf den Mittelstand: “Unsere Politik hat die mittelständische Wirtschaft meist begünstigt, nicht zuletzt über eine Wettbewerbspolitik, die ökonomische Macht konsequent auf viele Schultern verteilt”, sagt Lambert T. Koch, Professor für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung und Rektor der Uni Wuppertal. “Aber auch die starke Rolle der Gewerkschaften, die in vielerlei Hinsicht Strukturwandel behindert, hat in diesem Fall gerade die Entwicklung größerer Mittelständler tendenziell begünstigt.”
Zudem wurde die deutsche Wirtschaft nicht zentralistisch organisiert. Der Föderalismus hat dazu beigetragen, dass Familienunternehmen in den Regionen erstarken konnten, während Frankreich mit seinen Staatsbetrieben vor allem in den großen Ballungsgebieten stecken bleibt. So bildeten sich Cluster: Die Medizintechnik ist heute noch besonders stark in Baden-Württemberg, die Möbelbranche in Nordrhein-Westfalen. “Es entstand eine besonders starke Verflechtung von Unternehmen, deren Zulieferern und Hochschulen, das für ein hochspezialisiertes regional gebundenes Know-how sorgt”, sagt Hennerckes.
Dazu kommt eine psychologische Komponente. Fähige junge Leute streben in Frankreich in den Staatsdienst oder zu Großkonzernen. In Deutschland herrscht ein anderer Unternehmergeist. Deutlich mehr Talente haben den Wunsch, sich selbstständig zu machen und nicht “Teil des Rädchens zu werden”. In Deutschland war das Gegenteil der Fall, wie Lambert T. Koch betont: “Nach dem Krieg hat der Typus des patriarchischen Gründungsunternehmers eine entscheidende Rolle für den Etablierung der sozialen Marktwirtschaft und das Aufkommen einer wohlhabenden Mittelschicht gespielt.”
Zudem haben hierzulande kleine und mittelgroße Betriebe viel mehr Einfluss auf die Politik, vor allem über Verbände: “Die engmaschige Verbandsstruktur in Deutschland ist eine Medaille mit zwei Seiten: Zum einen bremst sie das Wandlungstempo, was unseren Standort im globalen Wettbewerb belastet, zum anderen ist sie ein stabilisierender Faktor. Wenn institutionalisiertem Lobbyismus in diesem Bereich überhaupt Verdienste zukommen, dann ist sicherlich seine Rolle für den Mittelstand herauszustreichen”, sagt Lambert T. Koch.
Wie es dagegen in Frankreich abläuft, beweist der Verlauf des jüngsten Spitzentreffens zwischen Wirtschaftsministerin Christine Lagarde und einigen Firmenlenkern. Die Chefs der mittelständischen Unternehmen klagten bei einem Mittagessen über die hohe Steuerbelastung, die geplante CO2-Abgabe und die Bürokratie. Lagarde unterbrach des Klagelied mit den Worten: “Können Sie mir einen Gefallen tun: Hat einer von Ihnen auch etwas Positives zu berichten?” Nach dem Treffen fasste ein Teilnehmer zusammen: “Als ich diese Äußerungen gehört habe, war ich doch sehr verwundert.”
Jürgen Wegmann, Experte von der KWU Gesellschaft für Mittelstandsberatung, glaubt nicht, dass sich an der Situation in Frankreich etwas ändert: “Aus meiner Sicht sind die großbetrieblichen Strukturen in Frankreich so in Stein gemeißelt und von den staatlichen Institutionen auch so gewollt, dass sich Mittelstand nach deutschem Vorbild in Frankreich nicht manifestieren lässt. Dies würde zudem voraussetzen, dass die geschlossene Gesellschaft der Managementelite aufgebrochen werden müsste. Hierzu sind keine Ansätze erkennbar.”
Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischem Institut stimmt zu: “Das Problem dabei ist, dass eine Unternehmenslandschaft nur langsam wachsen kann. Das ist ein Generationenprojekt und soviel Zeit, Geduld und Konstanz hat die Politik in der Regel nicht.” Der immer noch zentralistische Ansatz der Wirtschaftsentwicklung und die unzureichende dezentrale Eigendynamik spielen gegen die Entwicklung mittelständischer Strukturen.
Auch in den USA gibt es so etwas wie den deutschen Mittelstand nur bedingt. Zwar gibt es Firmen mit langer Tradition, aber sie sind Exoten. Gut ein Viertel der US-Arbeitnehmer sind in den rund 1000 Betrieben beschäftigt, die mehr als 10 000 Menschen angestellt haben. In Deutschland gibt es 77 solcher Unternehmen. Sie beschäftigen gerade einmal acht Prozent aller Arbeitnehmer. Auf der anderen Seite arbeiten in Deutschland 76 Prozent der Menschen in Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. In den USA sind es 51 Prozent.
Der Hauptgrund dafür liegt vor allem in der Individualität der Gesellschaftsmitglieder. Der US-Amerikaner will sich vor allem selbst verwirklichen, also vor allem Karriere machen und nimmt dafür zum Beispiel zahlreiche Umzüge in Kauf. Traditionelles Familienunternehmertum passt in diesen Weltbild nicht besonders gut hinein. Dem entsprechend gering ist die Lobby in der Politik. Dies und das komplizierte Verhältnis zu Banken macht es kleineren Betrieben schwierig.
Doch auch in den USA denken die Verantwortlichen um. Lambert T. Koch “Inzwischen bewundern viele Amerikaner die Mittelstandskultur in Deutschland. Immerhin sind unsere ausgeprägten mittelständischen Strukturen mit dafür verantwortlich, dass der hiesige Arbeitsmarkt der Wirtschaftskrise bislang einigermaßen trotzen konnte.” “Mittelstand” sei übrigens im Englischen längst zum Lehnwort geworden.
Das Lob an die mittelständischen Strukturen nach deutscher Prägung ist laut Lambert T. Koch kein temporäres Phänomen, sondern dürfte anhalten: “In Zeiten der industriellen Massenproduktion galten große Industriekonzerne in mancherlei Hinsicht als überlegene Organisationsform. Doch im postindustriellen Zeitalter braucht es flexiblere Einheiten, die sich rasch gründen, aber auch schmerzfrei wieder zurückziehen und umorientieren können.” Und dafür seien mittelständische Strukturen mit schlankeren Hierarchien besser geeignet.